Du möchtest mit Freiarbeit anfangen und stehst mit deinem Pferd auf dem Platz. Vielleicht hast du schon ein paar Videos gesehen, Übungen gespeichert und eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie das irgendwann aussehen soll. Dann machst du das Seil ab und dein Pferd steht erst einmal da oder geht schauen, was am Rand des Platzes wächst. ;)
Die Frage "Wo fange ich eigentlich an?" ist deshalb völlig berechtigt. Gerade bei der Freiarbeit haben wir schnell das fertige Bild im Kopf. Unser Pferd muss aber erst lernen, was unsere Körpersprache bedeutet und wie es sich durch unsere Signale positionieren lässt. Gleichzeitig müssen auch wir lernen, diese Signale so klar zu geben, dass unser Pferd sie verstehen kann.
Für den Einstieg brauche ich deshalb keine spektakulären Übungen. Mir sind erst einmal ein paar Grundlagen wichtig: Ich möchte mein Pferd zu mir einladen können, ich möchte es von mir wegbewegen können und ich möchte anfangen, Nähe und Distanz miteinander zu gestalten. Wenn Pferd und Mensch beide noch neu in der Freiarbeit sind, darf man es sich dabei ruhig etwas leichter machen. Manche Grundlagen können zunächst mit einer zusätzlichen Sicherung erarbeitet werden. Wenn mein Pferd noch gar nicht versteht, was "Komm zu mir" bedeutet, ist dieselbe Aufgabe ohne Seil einfach noch schwieriger.
Bevor du anfängst: Weißt du selbst, was du möchtest?
Das klingt ziemlich selbstverständlich, ist es aber gar nicht immer. Ich beobachte oft, dass wir von einem Pferd eine Übung erwarten, die wir selbst noch nicht ganz klar vor Augen haben. Dann wird auch unser Timing schwierig: Wann war die Antwort eigentlich richtig? Welchen kleinen Versuch hätte ich schon belohnen können? Und wann habe ich vielleicht noch gar nicht deutlich genug erklärt, was ich möchte?
Bevor du eine neue Übung beginnst, hilft deshalb ein kleines inneres Bild. Überlege dir, was du genau möchtest, wie der erste kleine Schritt dorthin aussehen könnte und woran du erkennst, dass dein Pferd gerade in die richtige Richtung denkt. Gerade am Anfang darfst du sehr viel Feedback geben. Wir sehen in unserem Kopf vielleicht schon den fertigen Zirkel, aber das Pferd weiß davon nichts. Es muss erst einmal herausfinden, welche seiner Antworten eigentlich die richtige war.
Ein gutes Timing kommt mit der Erfahrung. Und Erfahrung bekommt man bekanntlich nicht dadurch, dass immer alles sofort funktioniert. Fehler gehören da leider ziemlich zuverlässig mit dazu.
Was ist für dein Pferd eigentlich eine Belohnung?
Bevor wir über einzelne Übungen sprechen, finde ich noch eine andere Frage wichtig: Was empfindet dein Pferd überhaupt als Belohnung? Für das eine Pferd ist ein Leckerli großartig, ein anderes freut sich über eine Pause. Manche Pferde werden gerne gekrault und andere sagen nach einer gelungenen Übung eher: "Danke, jetzt bitte einfach kurz nichts von mir wollen."
Ich arbeite beim Aufbau meiner Basis meistens ohne Futter, weil ich diese Grundlagen gerne unabhängig davon entwickeln möchte. Aber auch hier gibt es für mich keine Regel, die für jedes Pferd gelten muss. Viel wichtiger ist, dass du dein eigenes Pferd beobachtest. Was motiviert es? Wann wird es neugierig? Wann beginnt es selbst nach einer Lösung zu suchen? Und woran erkennst du, dass es gerade verstanden hat: Genau das war richtig? Je besser wir solche Momente erkennen, desto genauer können wir unserem Pferd erklären, was wir eigentlich möchten.
Herkommen und Wegschicken gehören für mich zusammen
Eine der wichtigsten Grundlagen meiner Freiarbeit ist das Herkommen und Wegschicken. Ich möchte mein Pferd zu mir einladen können, gleichzeitig möchte ich aber auch meinen Raum vergrößern und mein Pferd wieder von mir wegbewegen können. Dabei entsteht schon ein erstes Spiel mit Nähe, Distanz und Energie.
Das Herkommen ist gerade am Anfang unglaublich hilfreich. Viele haben nämlich genau diese Sorge: Was mache ich, wenn mein Pferd plötzlich geht? Was, wenn es auf die andere Seite des Platzes läuft und überhaupt keine Lust hat, wiederzukommen? Genau deshalb üben wir das Einladen.
Wenn ich weiß, wie ich mein Pferd wieder zu mir holen kann, muss ich nicht permanent versuchen, es in meiner Nähe zu halten. Gerade das möchte ich in der Freiarbeit vermeiden. Ein Pferd soll nicht nur deshalb bei mir bleiben, weil ich es mit zwei Gerten irgendwie daran hindere wegzugehen. Es darf Abstand entstehen und wir lernen, diesen Abstand wieder zu verändern. Das gibt beiden Seiten viel mehr Sicherheit.
Von Nähe und Distanz zum ersten Zirkeln
Aus Herkommen und Wegschicken können wir Stück für Stück weiterarbeiten. Beim ersten Zirkeln geht es mir zum Beispiel noch gar nicht darum, dass mein Pferd möglichst viele Runden um mich herumläuft. Viel spannender finde ich zunächst: Kann ich seine Position verändern? Kann ich es etwas weiter von mir wegschicken? Kann ich die Schulter bewegen, eine Richtung vorgeben und es anschließend wieder einladen?
Das erste Zirkeln können deshalb auch einfach ein paar gute Schritte sein. Wenn mein Pferd diese verstanden hat und dafür direkt Feedback bekommt, haben wir viel mehr gewonnen als mit zehn Runden, bei denen keiner von uns so genau weiß, was wir eigentlich üben. Von diesen ersten verständlichen Schritten aus können wir dann langsam weiterbauen.
ANMERKUNG VOM KEY TO HORSES TEAM
Genau solche ersten Schritte zeigen wir in Tanjas Freiarbeits-Lernreihe ganz bewusst an Pferden, die die Übungen selbst gerade lernen. Ihr seht also nicht nur, wie es später aussehen kann, sondern auch die kleinen Fragen dazwischen: Was macht Tanja, wenn das Pferd eine andere Idee hat? Wie verändert sie ihre Hilfe? Wann lobt sie? Und wie wird aus ein paar guten Schritten nach und nach eine richtige Übung? So könnt ihr den Aufbau leichter auf euer eigenes Pferd übertragen und seht auch, dass die kleinen Herausforderungen während der Ausbildung ganz normal dazugehören.
Und wenn mein Pferd einfach weggeht?
Das gehört zur Freiarbeit dazu. Das Pferd kann gehen und genau darüber haben wir im ersten Artikel schon ausführlicher gesprochen. Für das praktische Training bedeutet das für mich aber nicht, dass die Einheit damit automatisch vorbei ist.
Wenn mein Pferd beim Zirkeln verschwindet, schaue ich erst einmal, was passiert ist. War meine Frage verständlich? Habe ich zu schnell zu viel verlangt? War mein Pferd überhaupt bei mir oder war das Gras gerade einfach überzeugender als ich? Dann versuche ich, wieder Kontakt aufzunehmen, lade mein Pferd ein und mache die Aufgabe gegebenenfalls noch einmal leichter.
Gerade deshalb finde ich die Grundlagen rund um Herkommen, Wegschicken und Raum so wichtig. Sie geben uns Möglichkeiten, wenn nicht alles genau nach Plan läuft. Und seien wir ehrlich: Mit Pferden läuft ziemlich selten alles genau nach Plan.
Wie viel Energie braucht dein Pferd?
Spätestens wenn die ersten Grundlagen funktionieren, merkt man schnell, wie unterschiedlich Pferde in der Freiarbeit sein können. Bei einem sehr motivierten und temperamentvollen Pferd ist meistens nicht das Problem, irgendwie noch mehr Bewegung zu bekommen. Da finde ich viel interessanter, ob dieses Pferd nach einer aktiven Sequenz auch wieder herunterfahren und entspannt bei mir stehen kann.
Beim eher introvertierten oder gemütlichen Pferd sieht die Aufgabe vielleicht genau andersherum aus. Kann ich aus der Ruhe heraus etwas mehr Aktivität bekommen? Wird mein Pferd neugierig? Beginnt es, selbst etwas anzubieten?
Wir brauchen also nicht automatisch immer mehr Energie. Es geht vielmehr darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Energie mein Pferd gerade mitbringt und wie ich damit umgehen kann. Gerade dabei lernt man sein Pferd oft noch einmal ganz neu kennen.
WENN MOTIVATION UND ENERGIE BEI EUCH GERADE SCHWIERIG SIND
Vielleicht kennst du genau eine dieser Situationen: Dein Pferd bringt unglaublich viel Energie mit, aber du bekommst kaum wieder Ruhe hinein. Oder es ist genau andersherum. Du versuchst dein Pferd zu motivieren und alles fühlt sich an wie zäher Kaugummi. Gerade in der Freiarbeit kann beides ziemlich herausfordernd sein. In unserem kostenlosen Motivations-Guide schauen wir deshalb genauer darauf, wie unterschiedlich Pferde mit Motivation und Energie umgehen und was du bei deinem eigenen Pferd beobachten kannst.
Wenn Herkommen, Wegschicken und die ersten Veränderungen von Nähe und Distanz verständlicher werden, habt ihr schon ziemlich viel, mit dem ihr weiterarbeiten könnt. Übungen können langsam länger und feiner werden, aus wenigen Schritten kann ein Zirkel entstehen, Distanzen können sich verändern und nach und nach kommen weitere Lektionen dazu.
Festige das neu Gelernte und nimm mit der Zeit immer mehr neue Übungen dazu. So wachsen das Verständnis und damit auch das Repertoire und die Motivation!
WEITERLERNEN MIT TANJA
Auf Key to Horses findest du meine komplette Lernreihe zur Freiarbeit. Dort gehen wir von den ersten Grundlagen Schritt für Schritt zu weiterführenden Übungen und zeigen auch an Pferden, die gerade selbst lernen, wie der Aufbau aussehen kann.